Der Schicksal-Verteiler

Glaubst du an Schicksal?

 

Ich schon. Auch, dass es uns vorbestimmt ist.

Wir müssen von Geburt an einen bestimmten Weg gehen. Doch können wir unser Schicksal auch abwenden?

Und was ist der Unterschied zum Zufall?

 

Dies ist die Geschichte vom Schicksal-Verteiler.

Es ist dunkel um mich herum, als ich zu mir komme. Neben mir fühlt es sich weich an. Ich liege bequem. Die Temperatur ist angenehm warm. Als ich mich aufrichte, fangen meine Augen an sich langsam an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich nehme Schemenhaft ein Meer von Kissen wahr. Es riecht leicht nach Orange, sehr angenehm. Ein paar Meter von mir entfernt mache ich einen Gang aus. Ich bewege mich langsam drauf zu. Am Ende ist ein schwaches Licht zu erkennen und eine ruhige melodische Musik dringt vom Ende des Ganges. Ich fühle mich entspannt und bin neugierig. Wo bin ich hier? Angst habe ich keine, alles fühlt sich geborgen an.

 

Inzwischen habe ich das Ende des Tunnels erreicht. Ich befinde mich in einem großen Raum mit vielen Kerzen. Die Wände sind auch hier dunkel gehalten, aber der Raum wirkt keineswegs gruselig, eher heimelig mit den vielen Kerzenleuchtern. Auch hier liegen unzählige Kissen auf den Boden vertreut. Zu meiner Rechten steht ein alter Schrank mit einem Plattenspieler, der noch immer die schönen Klänge abspielt. Zu meiner Linken befindet sich ein riesiges Regal mit unzähligen Büchern. Dahinter mache ich weitere Reihen aus, ein Ende kann ich nicht ausmachen.

 

"Trete näher.", spricht eine ruhige tiefe Stimme zu mir. "Nur Mut mein Kind!" Erst jetzt mache ich den alten Mann im hinteren Teil des Raumes aus. Er sitzt auf einen Thron. Der Mann wirkt wie ein Riese. Er ist groß und kräftig, in einem dunklen Mantel gehüllt und sein Bart ist lang und rabenschwarz. "Bist du der Tod?", frage ich ihn unsicher.

Er lacht: "Aber nein mein Kind, hier ist der Beginn allen Lebens." Er deutet auf einen Stapel Kissen vor seinem Thron. Daneben steht ein Spinnrad. "Kennt du dich mit der Kunst des Spinnens aus?", fragt der Mann. Ich schüttel den Kopf. "Aber ja doch, das wusste ich.", lächelt er. "Wer bist du und wo bin ich?", frage ich nun doch aufgeregt. "Alles seine Zeit.", spricht der Mann. "Als Erstes möchte ich dir etwas über das Leben erzählen. Höre gut zu mein Kind." Ich sitze still dar und lausche seinen Ausführungen.

Er berichtet über die Menschen, über Sein und nicht Sein, über Täuschung und Enttäuschung, über Erfüllung und Not. Er erzählt von der alten Zeit, von der Gegenwart und wie die Zeit einmal sein wird.

Irgendwann rauschen mir die Ohren. Es ist einfach zu unglaublich.

 

"Und jetzt zu deiner anfänglichen Frage.", stimmt der Riese ein. Eine Sanduhr schwebt über unseren Köpfen hinweg. Die Zeit ist fast durchgelaufen.

"Man nennt mich der Schicksal-Verteiler.", "Der Schicksal-Verteiler?", wiederhole ich. Der alte Mann beugt sich zu mir und fährt fort: "Ja, ein jedes Lebewesen auf dieser Welt kommt noch vor seiner Geburt zu diesem wunderbaren Ort. Vielmehr seine Seele." "Ja, aber wird es nicht ein bisschen viel für dich?", frage ich ungläubig dazwischen. "Aber nein, mein Kind.", er lacht wieder. "Ein jedes Lebewesen findet mich hier anders vor, so wie die Fantasie vorgibt, wie ich zu sein habe. Du erkennst mich als der, der nun vor dir sitzt." Er wartet kurz bis ich diese Information verdaut habe und setzt erneut an: "Meine Aufgabe ist es einer jeden Seele ihr Schicksal mitzuteilen, welches sie im Leben egal wie kurz, erleben muss. Ein jedes Lebewesen bekommt einen Höhepunkt und einen Tiefpunkt von mir zugedacht. Der eine verliert in der Jugend seine Mutter an den Tod, der andere wächst als Scheidungskind auf, der nächste wird in der Ehe geschlagen, ein anderer verliert seinen Job. Bei dem einen ist der Tiefpunkt schon recht früh im Leben, bei manchen sogar schon bei der Geburt, wenn man nicht ganz gesund auf die Welt kommt. Bei einer anderen Seele ist der Tiefpunkt vielleicht erst spät im Leben, vielleicht durch eine lange schmerzhafte Krankheit."

 

Ich bin geschockt als ich das höre. "Du bist also dafür verantwortlich, dass es den Menschen so schlecht geht?", rufe ich. Wütend stehe ich auf und blicke den Riesen ins Gesicht.

"Schon gut, mein Kind. Ich weiß du bist aufgebracht, aber gönne mir dir auch die andere Seite zu berichten", sagt er sanftmütig. Widerwillig, aber auch gespannt setze ich mich erneut hin, bereit zuzuhören.

"Also, jede Seele bekommt von mir auch einen Höhepunkt zugeteilt. Der eine gewinnt im Lotto, der andere findet die Liebe seines Lebens, ein Nächster wird von einer Krankheit geheilt, an Weiterer wird berühmt. Auch hier kann der Höhepunkt die Seele sehr früh oder auch recht spät im Leben treffen. Ich versuche einigermaßen gerecht und ausgewogen zu sein.

Zwischen diesen beiden Punkten, also dem Höhe- und dem Tiefpunkt wird der Faden des Schicksals gespannt. Diejenigen Seelen, die sich gut leiten lassen erfüllen ihr Schicksal ohne es zu merken. Aber es gibt immer wieder Lebewesen, die nicht an das Schicksal glauben. Sie denken, sie könnten es umgehen oder verändern..."

"Und? Geht es?", frage ich vorsichtig. "Nun mein Kind, dies bleibt ein Geheimnis, das musst du selbst herausfinden." Der Mann lehnt sich zufrieden zurück.

 

Ich schaue zu dem Spinnrad welches vor einer Weile begonnen hat sich zu drehen und einen Faden zu spinnen. "Ist es meins?", kommt es wie von selbst aus meinem Munde. Ich beobachte das Schicksalsrad weiter. "Ja.", antwortet der Alte. "Es begann in der Sekunde als du dich zu mir setztest. Von nun an beginnt dein Leben, mit einem Schicksal, welches ich dir zugeteilt habe. Mach das Beste daraus." "Werde ich mich an dich erinnern können?", blicke ich den Mann auf dem Thron fragend an. "Vermutlich nicht. Es wird dir vielleicht wie ein Traum vorkommen, allerhöchstens wird du in verschiedenen Situationen deines Lebens eine Art Deja-Vú verspüren, aber deine Gedanken sind ganz leer, sobald du das Licht der Welt erblickt hast." Ich nicke.

 

Mir wird klar, dass ich nun gehen muss. Langsam stehe ich auf. "Gibt es denn den Zufall?", frage ich noch kurz, bevor ich mich umdrehe. "Ja Zufälle gibt es. Das passiert, wenn sich Schicksale überschneiden. Siehst du die ganzen Bücher dort? All die Schicksale und Zufälle sind dort gelistet, von allen Seelen dieser Welt. Und wenn dein Leben eines Tages sein Ende erreicht hat und deine Seele frei ist, hat sie die Möglichkeit herzukommen und in der Bibliothek zu stöbern. Aber jetzt mein Kind, geh und gib auf dich Acht." Der Mann deutet auf eine Tür die vorher noch nicht da war. Ich fühle mich beschwingt, voller Wissen und doch nichtsahnend. Angst habe ich noch immer keine, aber ich bin gespannt, was mich hinter der Tür erwartet. Eine Hand liegt schon am Knauf als ich mich noch ein letztes Mal umdrehe. Der Mann ist verschwunden, das Rad und die Bibliothek auch. Nur der Schein der Kerzen leuchtet noch auf die bunten Kissen. Ich öffne die Tür und schreite in gleißendes Licht.

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